Ursprung
Iizasa Chōisai Ienao war Krieger im Dienst der Chiba-Familie in der Provinz Shimōsa. Nach dem Untergang seines Hauses zog er sich in den Bezirk des Katori-Jingū zurück, eines der ältesten Schreine Japans, und verbrachte dort tausend Tage und Nächte in Askese und Waffenübung. Am Ende dieser Zeit, so die Überlieferung, empfing er die Lehre der Ryūha als göttliche Eingebung — daher der Name: Tenshin Shōden, «wahrhaft vom Himmel überliefert».
Das war um 1447. Die Schule wird seither ununterbrochen in der Familie Iizasa weitergegeben und ist heute japanisches immaterielles Kulturgut (Mukei Bunkazai). Sie gilt als Quellschule — aus ihr sind über die Jahrhunderte zahlreiche weitere Ryūha hervorgegangen.
Was trainiert wird
Katori Shintō-ryū ist ein sōgō bujutsu, ein Gesamtsystem. Der Lehrplan umfasst:
- Kenjutsu — das Langschwert, Kern und Massstab des Systems
- Iaijutsu — das Ziehen und Schneiden aus der Bewegung
- Bōjutsu — der lange Stab
- Naginatajutsu — die Hellebarde
- Sōjutsu — der Speer
- Ryōtōjutsu — der Kampf mit zwei Schwertern
- Shurikenjutsu — die Wurfklinge
Dazu treten die klassischen Nebenfächer eines Kriegers der Sengoku-Zeit: Chikujō-jutsu (Feldbefestigung), Gunbai-hō (Truppenführung) und In-yō kyō, die Lehre der Gezeiten und Zeichen.
Trainiert wird ausschliesslich in Kata mit Partner, ohne Rüstung, mit voller Absicht und kontrollierter Distanz. Es gibt weder Wettkampf noch freies Sparring — die Prüfung liegt in der Präzision der Form. Öffentliche Vorführungen heissen Embu und dienen dem Gedenken, nicht dem Vergleich.
Die Sugino-Linie
Die Schweizer Dōjō gehören der Linie von Sugino Yoshio (1904–1998) an. Sugino Sensei erhielt sein Menkyo Kaiden 1935 von Iizasa Yasusada und eröffnete in Kawasaki ein Dōjō, das die Ryūha im 20. Jahrhundert weit über Japan hinaus bekannt machte. Er unterrichtete unter anderem Ueshiba Morihei und beriet Akira Kurosawa bei den Schwertszenen von Die sieben Samurai.
Das Sugino Dōjō in Kawasaki wird heute von Sugino Yukihiro geführt und ist Honbu der Linie, der die Schweizer Gruppen über SHIBU Suisse angeschlossen sind.
In der Schweiz
Katori Shintō-ryū ist die mit Abstand am breitesten vertretene Koryū der Schweiz — von Basel und Romanshorn über Luzern und Biel bis Neuchâtel, Lausanne, Genf und ins Wallis. Viele der Dōjō sind zugleich Aikibudō- oder Karate-Clubs, in denen das Kobudō als eigenständiges Programm läuft.
Wo trainiert wird
Die Schweizer Dōjō sind über SHIBU Suisse KSR organisiert, die offizielle Delegation der Sugino-Linie. Alle stehen unter der technischen Aufsicht von Sugino Yukihiro und Loris Petris.
SHIBU Suisse führt sein Verzeichnis selbst und hält es aktuell — deshalb verweist koryu.ch darauf, statt die Angaben ein zweites Mal zu pflegen.